Problematische Inhaltsstoffe aus wissenschaftlicher Sicht – was, warum und wie man sie vermeiden sollte
Die Nahrungsergänzungsmittel haben sich in den letzten Jahrzehnten zu einem festen Bestandteil des modernen Lebensstils entwickelt. Es ist mittlerweile fast selbstverständlich, dass wir täglich Vitamine, Mineralstoffe oder verschiedene „unterstützende“ Präparate verwenden. Das Angebot ist jedoch extrem vielfältig, und die Unterschiede zwischen den Produkten liegen nicht nur im Preis oder Marketing, sondern auch in Zusammensetzung, Qualität und biologischer Wirksamkeit.
Obwohl ein Produkt rechtlich zugelassen sein kann, bedeutet dies nicht automatisch, dass es physiologisch optimal ist oder dass die darin enthaltenen Wirkstoffe tatsächlich die versprochene Wirkung entfalten.
Der Schlüssel zu einer bewussten Auswahl liegt nicht darin, Hersteller zu stigmatisieren oder bestimmte Produkte zu dämonisieren, sondern darin, die biochemischen und technologischen Hintergründe der Inhaltsstoffe zu verstehen. Ein einzelner problematischer Bestandteil bewertet nicht automatisch eine gesamte Marke – aber jeder Inhaltsstoff bewertet das jeweilige Produkt.
In diesem Artikel nehmen wir Inhaltsstoffe unter die Lupe, bei denen Fachliteratur, behördliche Stellungnahmen und Bioverfügbarkeitsstudien darauf hinweisen, dass es sich lohnt, einen Moment innezuhalten und die Etiketten genau zu lesen.
Es ist wichtig zu verstehen, dass die Wirkung eines Nahrungsergänzungsmittels nicht nur davon abhängt, was es enthält, sondern mindestens ebenso davon, in welcher Form, in welchem technologischen Umfeld und mit welcher Bioverfügbarkeit die Wirkstoffe in den Körper gelangen.
Cyanocobalamin – warum es keine ideale B12-Form ist
Cyanocobalamin ist eine der am häufigsten verwendeten Formen von Vitamin B12 in Nahrungsergänzungsmitteln, hauptsächlich aus technologischen Gründen. Es ist stabil, günstig herzustellen und hat eine lange Haltbarkeit – Eigenschaften, die dem Hersteller zugutekommen, nicht unbedingt dem Verbraucher.
Biochemisch gesehen ist Cyanocobalamin keine aktive Form. Der Körper muss zunächst die Cyanidgruppe abspalten und anschließend in biologisch aktive B12-Formen wie Methylcobalamin oder Adenosylcobalamin umwandeln. Diese Umwandlungsschritte sind enzymatisch und können von Person zu Person stark variieren.
Bei bestimmten genetischen Varianten – zum Beispiel MTHFR-Polymorphismen – kann diese Umwandlung langsam oder unvollständig sein. In solchen Fällen kann es vorkommen, dass die zelluläre B12-Verfügbarkeit trotz ausreichender Einnahme nicht signifikant steigt.
Die Menge an Cyanid ist für sich genommen nicht toxisch, kann aber bei regelmäßiger, langfristiger Einnahme eine unnötige Stoffwechselbelastung darstellen, insbesondere wenn bereits aktive B12-Formen verfügbar sind.
DL-Alpha-Tocopherylacetat – synthetisches Vitamin E industriellen Ursprungs
Vitamin E besteht nicht aus einer einzelnen Molekülform, sondern aus einem komplexen System von Tocopherolen und Tocotrienolen, die in natürlicher Form synergetisch wirken.
DL-Alpha-Tocopherylacetat ist dagegen eine synthetische, racemische Form, die industriell chemisch hergestellt wird. Die Ausgangsstoffe stammen typischerweise aus Erdöl und historisch auch aus Steinkohleteer-Derivaten. Zwar ähnelt die Molekülstruktur dem natürlichen Tocopherol, doch die biologische Aktivität unterscheidet sich deutlich.
Studien zeigen, dass die antioxidative Wirkung dieser synthetischen Form geringer ist und langfristig sogar das Gleichgewicht der natürlichen Vitamin-E-Formen beeinträchtigen kann, da sie bei der Aufnahme und Nutzung der Rezeptoren mit diesen konkurriert.
Oxidformen – wenn „hoher Wirkstoffgehalt“ irreführend ist
Oxidformen von Mineralstoffen – zum Beispiel Magnesiumoxid, Zinkoxid oder Eisenoxid – sind klassische Beispiele dafür, dass die auf dem Etikett angegebenen Zahlen nicht der tatsächlichen physiologischen Wirkung entsprechen. Diese Formen sind chemisch stabil, günstig herzustellen und technologisch ideal für die Tablettenproduktion, aber biologisch nur sehr schwach verfügbar.
Bei Magnesiumoxid liegt die Bioverfügbarkeit laut Studien bei etwa 4 %. Das bedeutet, dass ein Präparat mit 300 mg Magnesiumoxid dem Körper tatsächlich nur etwa 12 mg elementares Magnesium liefert. Der Rest passiert den Verdauungstrakt ungenutzt und kann aufgrund seiner osmotischen Wirkung häufig Durchfall, Darmkrämpfe, Blähungen oder Bauchbeschwerden verursachen.
Diese Formen werden nicht eingesetzt, weil sie physiologisch vorteilhaft wären, sondern weil sie hohe Milligrammzahlen auf der Verpackung ermöglichen. Das Problem entsteht, wenn der Marketingwert die biologische Realität übertrifft und die Menge des Wirkstoffs wichtiger wird als seine Bioverfügbarkeit.
Titandioxid – rechtlich zugelassen, physiologisch unnötig
Titandioxid ist ein weißes Pigment, das ausschließlich aus ästhetischen Gründen verwendet wird: Es sorgt für ein gleichmäßigeres, „sauberes“ Erscheinungsbild von Kapseln und Tabletten. Physiologisch bietet es keinen Nutzen.
Die Europäische Union stuft Titandioxid in Lebensmitteln nicht mehr als sicher ein und hat dessen Verwendung in der Lebensmittelproduktion verboten. Bei Nahrungsergänzungsmitteln kann es aufgrund einer regulatorischen Lücke jedoch weiterhin vorkommen, obwohl es rechtlich ebenfalls zu Lebensmitteln gehört.
Das größte Bedenken gilt der Nanopartikel-Form von Titandioxid. Studien legen nahe, dass diese Partikel die Darmwand durchdringen, sich im Körper anreichern und oxidativen Stress sowie entzündliche Prozesse auslösen können – ohne dass der Verbraucher einen physiologischen Nutzen erhält.
Siliciumdioxid – wann „okay“ und wann problematisch?
Siliciumdioxid wird hauptsächlich als Fließmittel in Nahrungsergänzungsmitteln eingesetzt. Es sorgt dafür, dass Pulver gleichmäßig dosierbar sind und während der Herstellung oder Lagerung nicht verklumpen.
In amorpher Form und in kleinen Mengen gilt es in der Regel als risikoarm. Problematisch wird es, wenn es in Nanopartikel-Form und größeren Mengen eingesetzt wird. Dann können Darmreizungen, Belastungen der Schleimhäute sowie langfristige Effekte auftreten.
Das Problem liegt also nicht unbedingt im Stoff selbst, sondern in der Art der Anwendung und Philosophie des Herstellers. Häufig finden wir es in Produkten, bei denen Automatisierung, Geschwindigkeit und Kosteneffizienz im Vordergrund standen. Es existieren jedoch technologische Lösungen, mit denen die Stabilität eines Produkts auch ohne aggressive Fließmittel gewährleistet werden kann.
Süßstoffe – notwendiges Übel oder bewusster Kompromiss?
Die in Nahrungsergänzungsmitteln eingesetzten Süßstoffe dienen in erster Linie der Geschmacksverbesserung, insbesondere bei Pulver- und Flüssigpräparaten. Acesulfam-K und Sucralose sind technologisch stabil, hitze- und säurebeständig, weshalb sie bei Herstellern sehr beliebt sind.
Gleichzeitig deuten immer mehr Studien darauf hin, dass diese Stoffe die Zusammensetzung des Darmmikrobioms und die Insulinreaktion beeinflussen können, selbst wenn sie den Blutzuckerspiegel nicht direkt erhöhen. Langfristig kann dies zu Störungen des Stoffwechselgleichgewichts führen.
Stevia ist eine natürliche Alternative, deren Einfluss auf den Blutzucker geringer ist. Ihre Qualität hängt jedoch stark von der Reinheit und Verarbeitung des Extrakts ab. In vielen Produkten werden neben Stevia auch andere Süßstoffe eingesetzt, was bereits einen Kompromiss darstellt.
Die wichtigste Frage ist auch hier nicht „gut oder schlecht“, sondern ob eine Süßung in einem funktionalen Präparat überhaupt notwendig ist und, falls ja, in welcher Menge und Qualität sie eingesetzt wird.
Füllstoffe – mikrokristalline Cellulose und Co.
Mikrokristalline Cellulose und ähnliche Füllstoffe dienen in erster Linie dazu, das physische Volumen von Tabletten oder Kapseln zu gewährleisten. Es handelt sich um chemisch modifizierte Pflanzenfasern, die technologisch stabil sind, aber die Aufnahme nicht unterstützen und physiologisch funktional leer bleiben.
Es handelt sich nicht um toxische Stoffe, aber eine regelmäßige, hochdosierte Einnahme kann das Verdauungssystem unnötig belasten, insbesondere bei empfindlichen Personen.
Als Alternative gibt es Trägerstoffe wie Reismehl, Reisextrakt oder minimal verarbeitete Pflanzenstoffe, die in der Regel besser verträglich sind und weniger technologische Kompromisse erfordern.
Technologische Hilfsstoffe – wenn der Verbraucher nicht an erster Stelle steht
Talkum, Stearate, Glycole und andere technologische Hilfsstoffe dienen vor allem der Optimierung des Herstellungsprozesses. Sie erleichtern die schnellere Tablettierung, reduzieren das Anhaften an Maschinen und ermöglichen eine kosteneffiziente Produktion in großen Mengen.
Bei Herstellern, bei denen diese Denkweise dominiert, treten diese Stoffe typischerweise nicht nur in einzelnen Produkten auf, sondern im gesamten Portfolio. Hierbei handelt es sich nicht um eine isolierte Entscheidung, sondern um eine unternehmerische Philosophie.
Diese Stoffe sind nicht unbedingt akute „Gifte“, sondern Warnsignale dafür, dass technologischer Komfort der biologischen Qualität vorangestellt wurde – was langfristig nur selten zu wirklich hochwertigen Produkten führt.
Zusammenfassung – Grundprinzipien bewusster Auswahl
Die Welt der Nahrungsergänzungsmittel ist nicht schwarz-weiß. Nicht jeder synthetische Inhaltsstoff ist schlecht, und nicht alles Natürliche automatisch gut. Entscheidend ist, wie eine bestimmte Form im Körper wirkt und wie sehr sie die natürliche Funktion unterstützt – oder belastet.
Bewusste Auswahl beginnt damit, das Etikett zu lesen und zu verstehen, warum und wofür ein Inhaltsstoff eingesetzt wurde.
Ein Nahrungsergänzungsmittel ist nicht deshalb gut, weil es legal ist, und nicht schlecht, weil es synthetisch ist. Die eigentliche Frage lautet, wie gut es zur natürlichen Biochemie des Körpers passt und wie sehr es eine effektive Aufnahme, Bioverfügbarkeit und langfristige Balance unterstützt.
Wähle bewusst, wähle Qualität!”
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Verwendete Fachliteratur und Quellen
- EFSA Journal – Titanium Dioxide (E171) Safety Assessment
- NIH – Vitamin B12 Fact Sheet
- O’Leary & Samman (2010): Vitamin B12 in Health and Disease
- Traber & Atkinson (2007): Vitamin E, Antioxidant and Beyond
- Ranade & Somberg (2001): Bioavailability and Pharmacokinetics of Magnesium
- DiNicolantonio et al. (2018): Magnesium in Health and Disease
- Suez et al. (2014): Artificial Sweeteners and the Gut Microbiome
- WHO & FAO – Food Additives and Sweeteners Evaluations